EXAMEN DE BACCALAUREAT

ALLEMAND 3C / 3 E

12 JUIN 1997

Durée: 4 heures

Matériel autorisé: dictionnaire français-allemand, sans annotations ni documents personnels.

 

I. Uebersetzung

Littérature et critique sociale

La littérature allemande s'est toujours volontiers moqué de la politique et des fonctionnaires. L'humour était d'ailleurs souvent la seule possibilité d'exprimer son opinion sans tomber aussitôt dans les griffes (litt. les doigts) de la censure. Il y avait bien entendu aussi des époques dans lesquelles les auteurs n'étaient pas en permanence poursuivis pour la moindre phrase critique.

C'est ainsi que chaque allemand connaît les dialogues amusants de Karl Valentin, qui transforment des discussions du quotidien en champs de bataille rhétoriques. L'un des écrivains politiques les plus célèbres est sans aucun doute Bertolt Brecht. Dans des pièces de théâtre, dans des romans ou des nouvelles, il réfléchit si et comment on pourrait transfomer la société. Il nous pose par exemple la question ce qui se passerait si les hommes étaient des requins. Après avoir lu de tels textes et après en avoir ri, nous remarquons souvent que nous aussi faisons partie de ces poissons féroces.

Bien que ces textes fussent écrits dans un contexte précis nous constatons, à quel point ils sont restés actuels. Cela, vous allez sans doute le constater dans le texte suivant de Kusenberg.

40 Pkt.

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II. Texterklärung

Ein verächtlicher (1) Blick

Das Telefon summte, der Polizeipräsident nahm den Hörer auf.

"Ja ?"

"Hier spricht Wachtmeister (2) Kerzig. Soeben hat ein Passant mich verächtlich angeschaut."

"Vielleicht irren Sie", gab der Polizeipräsident zu bedenken. "Fast jeder, der einem Polizisten begegnet, hat ein schlechtes Gewissen und blickt an ihm vorbei. Das nimmt sich dann wie Geringschätzung (3) aus (4)."

"Nein", sprach der Wachtmeister. "So war es nicht. Er hat mich verächtlich gemustert (5), von der Mütze bis zu den Stiefeln."

"Warum haben Sie ihn nicht verhaftet?"

"Ich war zu bestürzt (6). Als ich die Kränkung (7) erkannte, war der Mann verschwunden."

"Würden Sie ihn wiedererkennen?"

"Gewiß. Er trägt einen roten Bart."

"Wie fühlen Sie sich?"

"Ziemlich elend (8)."

"Halten Sie durch (9), ich lasse Sie ablösen."

Der Polizeipräsident schaltete das Mikrofon ein. Er entsandte einen Krankenwagen in Kerzigs Revier und ordnete an, daß man alle rotbärtigen Bürger verhafte.

Die Funkstreifen waren gerade im Einsatz, als der Befehl sie erreichte. Zwei von ihnen probierten aus, welcher Wagen der schnellere sei, zwei andere feierten in einer Kneipe den Geburtstag des Wirtes, drei halfen einem Kameraden beim Umzug, und die übrigen machten Einkäufe. Kaum aber hatten sie vernommen, um was es ging, preschten (10) sie mit ihren Wagen in den Kern der Stadt.

Sie riegelten Straßen ab (11), eine um die andere, und kämmten sie durch (12). Sie liefen in die Geschäfte, in die Gaststätten, in die Häuser, und sobald sie einen Rotbart aufspürten, zerrten sie ihn fort (13). Überall stockte der Verkehr (14). Das Geheul der Sirenen erschreckte die Bevölkerung, und es liefen Gerüchte (15) um, die Hetzjagd (16) gelte einem Massenmörder.

Wenige Stunden nach Beginn des Kesseltreibens (17) war die Beute ansehnlich (18); achtundfünfzig rotbärtige Männer hatte man ins Polizeipräsidium gebracht. Auf zwei Krankenwärter gestützt schritt Wachtmeister Kerzig die Verdächtigen ab, doch den Täter erkannte er nicht wieder. Der Polizeipräsident schob es auf Kerzigs Zustand (19) und befahl, daß man die Häftlinge verhöre. "Wenn sie", meinte er, "in dieser Sache unschuldig sind, haben sie bestimmt etwas anderes auf dem Kerbholz (20). Verhöre sind immer ergiebig (21)."

Ja, das waren sie wohl, jedenfalls in jener Stadt. Man glaube jedoch nicht, daß die Verhörten mißhandelt wurden; so grob ging es nicht zu, die Methoden waren feiner. Seit langer Zeit hatte die Geheimpolizei durch unauffälliges Befragen der Verwandten und Feinde jedes Bürgers eine Kartei angelegt, aus der man erfuhr, was ihm besonders widerstand: das Rattern von Stemmbohrern (22), grelles Licht, Karbolgeruch, nordische Volkslieder, der Anblick enthäuteter (23) Ratten, schlüpfrige Witze (24), Hundegebell, Berührung mit Fliegenleim (25), und so fort. Gründlich angewandt, taten die Mittel meist ihre Wirkung: sie entpreßten den Befragten Geständnisse, echte und falsche, wie es gerade kam, und die Polizei frohlockte (26). Solches stand nun den achtundfünfzig Männern bevor.

Der Mann, dem die Jagd galt, befand sich längst wieder in seiner Wohnung. Als die Polizisten bei ihm läuteten, hörte er es nicht, weil er Wasser in die Badewanne strömen ließ. Wohl aber hörte er, nachdem das Bad bereitet war, den Postboten klingeln und empfing von ihm ein Telegramm. Die Nachricht war erfreulich, man bot ihm einen guten Posten im Ausland an - freilich unter der Bedingung, daß er sofort abreise.

"Gut", sagte der Mann. "Gut. Jetzt sind zwei Dinge zu tun: der Bart muß verschwinden, denn ich bin ihn leid (27), und ein Paß muß her, denn ich habe keinen."

Er nahm sein Bad, genüßlich, und kleidete sich wieder an. Dem Festtag zu Ehren, wählte er eine besonders hübsche Krawatte. Er ließ sich durchs Telefon sagen, zu welcher Stunde er auf ein Flugzeug rechnen könne. Er verließ das Haus, durchschritt einige Straßen, in die wieder Ruhe eingekehrt war, und trat bei einem Friseur ein. Als dieser sein Werk verrichtet hatte, begab der Mann sich ins Polizeipräsidium, denn nur dort, das wußte er, war in sehr kurzer Frist ein Paß zu erlangen.

Hier ist nachzuholen, daß der Mann den Polizisten in der Tat geringschätzig angeschaut hatte ­ deshalb nämlich, weil Kerzig seinem Vetter Egon ungemein glich. Für diesen Vetter, der nichts taugte (28) und ihm Geld schuldete, empfand der Mann Verachtung, und die war nun, als er Kerzig gewahrte (29), ungewollt in seinen Blick hineingeraten. Kerzig hatte also richtig beobachtet, gegen seine Meldung konnte man nichts einwenden.

Ein Zufall wollte es, daß der Mann beim Eintritt ins Polizeipräsidium erneut dem Polizisten begegnete, der ihn an Vetter Egon erinnerte. Dieses Mal aber wandte er, um den anderen nicht zu kränken, seine Augen rasch von ihm ab. Hinzu kam, daß es dem Armen offenbar nicht gut ging; zwei Wärter geleiteten ihn zu einem Krankenwagen .

So einfach, wie der Mann es gewähnt (30), ließ sich die Sache mit dem Paß nicht an. Es half ihm nichts, daß er mancherlei Papiere bei sich führte, daß er das Telegramm vorwies: die vermessene Hast des Unternehmens (31) erschreckte den Paßbeamten.

"Ein Paß", erklärte er, "ist ein wichtiges Dokument. Ihn auszufertigen, verlangt Zeit."

Der Mann nickte. "So mag es in der Regel sein. Aber jede Regel hat Ausnahmen. "

"Ich kann den Fall nicht entscheiden", sagte der Beamte. "Das kann nur der Polizeipräsident."

"Dann soll er es tun."

Der Beamte kramte die Papiere zusammen und erhob sich. "Kommen Sie mit", sprach er. "Wir gehen den kürzesten Weg - durch die Amtszimmer."

Sie durchquerten drei oder vier Räume, in denen lauter rotbärtige Männer saßen. "Drollig", dachte der Mann. "Ich wußte nicht, daß es ihrer so viele gibt. Und nun gehöre ich nicht mehr dazu."

Wie so mancher Despot, gab der Polizeipräsident sich gern weltmännisch (32). Nachdem der Beamte ihn unterrichtet hatte, entließ er ihn und hieß den Besucher Platz nehmen. Diesem fiel es nicht leicht, ein Lächeln aufzubringen, denn der Polizeipräsident ähnelte seinem Vetter Arthur, den er gleichfalls nicht mochte. Doch die Muskeln, die ein Lächeln bewirken, taten brav ihre Pflicht - es ging ja um den Paß.

"Kleine Beamte", sprach der Polizeipräsident, "sind ängstlich und meiden jede Entscheidung. Selbstverständlich bekommen Sie den Paß, sofort, auf der Stelle. Ihre Berufung nach Istanbul ist eine Ehre für unsere Stadt. Ich gratuliere." Er drückte einen Stempel in den Paß und unterschrieb.

Lässig, als sei es ein beliebiges Heftchen, reichte er seinem Besucher das Dokument. "Sie tragen da", sprach er, "eine besonders hübsche Krawatte. Ein Stadtplan - nicht wahr?"

"Ja", erwiderte der Mann. "Es ist der Stadtplan von Istanbul."

"Reizender Einfall. Und nun -" der Polizeipräsident stand auf und reichte dem Mann die Hand - "wünsche ich Ihnen eine gute Reise." Er geleitete den Besucher zur Tür, winkte ihm freundlich nach und begab sich in die Räume, wo man die Häftlinge vernahm.

Ihre Pein zu kürzen (33), hatten die Bedauernswerten manches Delikt eingestanden, nur jenes nicht, dessen man sie bezichtigte. "Weitermachen!" befahl der Polizeipräsident und ging zum Mittagessen.

Bei seiner Rückkehr fand er eine Meldung vor. Ein Friseur hatte ausgesagt, er habe am Vormittag einen Kunden auf dessen Wunsch seines roten Bartes entledigt. Den Mann selbst könne er nicht beschreiben, doch erinnere er sich eines auffälligen Kleidungsstückes: einer Krawatte mit einem Stadtplan.

"Ich Esel !" schrie der Polizeipräsident. Er eilte die Treppe hinunter, zwei Stufen mit jedem Satz. Im Hof stand wartend sein Wagen. "Zum Flugplatz !" rief er dem Fahrer zu und warf sich auf den Rücksitz.

Der Fahrer tat, was er vermochte (34). Er überfuhr zwei Hunde, zwei Tauben und eine Katze, er schrammte (35) eine Straßenbahn, beschädigte einen Handwagen mit Altpapier und erschreckte Hunderte von Passanten. Als er sein Ziel erreichte, erhob sich weit draußen, auf die Sekunde pünktlich, das Flugzeug nach Istanbul von der Rollbahn.

Kurt Kusenberg, 1904 - 1983

Wortschatz (Erklärungen und Übersetzung Deutsch-Französisch)

Fragen zum Text

Beantworten Sie folgende Fragen auf deutsch. Antworten Sie in Ihren eigenen Worten und achten Sie auf einen gepflegten Ausdruck.

1.Wie erfüllen die Polizisten ihre Aufgabe vor dem Einsatzbefehl des Präsidenten ? (10 Pkt.)

2. Welches Bild der Bürokratie erhalten wir in dieser Geschichte ? (10 Pkt.)

3. Zeigen Sie die Ironie des Satzes: " Wir gehen den kürzesten Weg... " (10 Pkt.)

4. Analysieren Sie das Verhalten des Präsidenten. (10 Pkt.)

5. Zeigen Sie präzise

a) wie die ganze Geschichte anfängt;

b) welches Element jeweils die Strategie der Polizei durchkreuzt und bewirkt, daß der Schuldige schließlich entkommt. (10 Pkt.)

6. Was will uns Kusenberg mit dieser Geschichte zeigen ? (10 Pkt.)

60 Pkt.

Insgesamt: 100 Pkt.


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